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Interview: Timm Holm (freier Kreativer)

Timm Holm wuchs in einem kleinen Dorf bei Hamburg auf. In die Werbung stieg er nach einem Grafik-Design-­Studium ein. Danach lernte er bei Agenturen wie Lintas, Jung von Matt und Springer & Jacoby. Freiberuflich zog es ihn Anfang 2000 nach Berlin, wo er Agenturen wie Heimat, DDB, Scholz & Friends oder BBDO durchlief. Ab 2006 baute er dreieinhalb Jahre mitverantwortlich den Standort für Butter in Berlin erfolgreich auf. 2012 zog es ihn zurück nach Hamburg, wo er als freiberuflicher Ideenhaber, Konzeptioner, Art-­ und Kreativdirektor, mit eigenem Büro arbeitet. In der aktuellen 10. Ausgabe von HAMBURGS KREATIVE haben wir ihm einige Fragen gestellt, das Gespräch gibt es nun auch hier im Blog zu lesen.   

Woher stammt eigentlich Deine Affinität für die Werbung und Gestaltung?
Mit 13 bekam ich meinen ersten Computer – einen C64. Dadurch habe ich mit Freunden angefangen untereinander Spiele zu tauschen. Irgendwann ging uns das alles nicht mehr schnell genug, also fingen wir an unsere Tauschbörse auf Deutschland und Europa zu erweitern. Wir gründeten deshalb extra eine Gruppe, luden uns die neuesten Games via Modem von amerikanischen Boards runter (war tierisch teuer, außer man hatte eine Calling-­Card-­Nummer von AT&T, was höchst illegal war), crackten die Spiele (war auch nicht erlaubt) und machten unsere eigenen Intros davor. Dazu musste einer dann die Intros programmieren, ein anderer machte den Sound und ich probierte mich in Logos und Typos. Damals musste man noch jeden Pixel einzeln setzen, mega Aufwand. Mir hat das jedoch so viel Spaß gemacht, dass ich dabei geblieben bin. Und nun haben wir das Gartenhaus.

Du arbeitest seit Jahren erfolgreich als freier Kreativer für verschiedene Agenturen und Direktkunden. Weshalb als Freelancer und nicht mehr in Festanstellung?
Ich brauche die Abwechslung und meine Freiheit. Ich bleibe ja trotzdem durch die Agenturbuchungen am Ball und bin sogar besser informiert und vernetzt, als wäre ich fest angestellt. Ab und zu juckt es schon mal wieder, da man in einer Festanstellung die Projekte auch zu Ende machen könnte. Jedoch habe ich mittlerweile meine eigenen Kunden, mit denen ich das die letzten 2 Jahre auch sehr gut hinbekommen habe.


Wie darf man sich einen typischen Arbeitstag von Dir vorstellen?
Entweder habe ich eine Agenturbuchung und tiger dort hin, lerne viele nette Menschen kennen, treffe alte Bekannte, sehr oft auch noch in Berlin. Oder ich gehe morgens ins Büro und bearbeite meine eigene Kunden, trinke viel Kaffee mit meinen Bürofreunden, zeitlich ist das entspannter, weil selbstbestimmt. Oder ich bleibe gleich ganz zu Hause, wenn es mal ein bisschen ruhiger ist, und arbeite die paar Mails und Jobs von zu Hause ab. Dann hab ich Zeit mehr mit dem Hund spazieren zu gehen und bin mehr bei meiner Familie, die zu oft viel zu kurz kommt. Seit knapp einem Jahr muss ich nur auf die Ferien schauen, das ist dann wohl meine einzige Konstante. Das Leben eines freien Kreativen wird also nie wirklich langweilig. ;)

Was ist Dein persönlicher Anspruch bei der täglichen Arbeit?
Das ist ja gerade mein Problem. Ich bin eine typische Jungfrau und nie wirklich überzeugt. Deswegen arbeite ich meist so lange an einer Sache, bis ich auch irgendwann zufrieden schlafen kann. Da kommt dann vielleicht der Spießer in mir durch.

Wovon lässt Du Dich inspirieren?
Die beste Inspiration ist eigentlich das echte Leben. Das kann das Geräusch der Bauarbeiter unten auf der Straße sein, das Logo auf einem U-­Bahn-­Plakat, die Überschneidungen von Häuserkanten. Oder was es eben im Social Web so zu entdecken gibt. Das gehört ja auch mittlerweile dazu wie das tägliche Zähneputzen. Brauche ich jedoch aktuell Inspirationen, dann suche ich danach einfach Netz oder blättere einige Zeitschriften durch. Ansonsten kommen die Ideen unterbewusst oder durchs Allgemeinwissen.

In Deiner Laufbahn hast Du zahlreiche Lösungen für unterschiedlichste Kunden entwickelt. Kannst Du uns Projekte nennen und beschreiben, auf die Du ganz besonders stolz bist?
Klar. Durch die Berliner Zeit bin ich auch in die politische Kommunikation eher rein gestolpert. Unter Butter-­Flagge habe ich zahlreiche Bundes-­ und Landtagswahlkämpfe für die SPD gemacht. Jedoch bin ich 2010/11, da schon wieder frei, politisch „fremdgegangen“. Ich habe den Grünen Wahlkampf für Baden-­Württemberg mit geleitet und den ersten Grünen Ministerpräsidenten auf den Weg gebracht. Neben den vielen ausgezeichneten Kreativkampagnen, sticht dieses Erlebnis bei mir persönlich heraus und macht mich ehrlich stolz.




Welche Trends und Entwicklungen spürst Du aktuell in der Werbung und wie bewertest Du diese persönlich?
Die Entwicklung, wie auch schon in den letzten Jahren, geht immer mehr in Richtung Mobile‐ und Web‐Marketing. Wobei sich der Trend zur Zeit auf kreativen Content konzentriert.
Die Kunden sind meist jedoch noch nicht so weit, sie konzentrieren sich noch zu sehr auf ihr Produkt und nicht darauf, was den Verbraucher, den Menschen, wirklich interessiert. Durch die sozialen Netzwerke sind alle mittlerweile viel aufgeklärter, jeder will ernst genommen werden und seinen Senf zu jedem Pups dazugeben. Beispiel Facebook: wenn ich als Kunde ankomme und meine billigen Werbephrasen in Facebook‐Ads oder Posts versuche zu verstecken, wird das schnell als Werbung entlarvt und man bekommt sofort ein schlechtes Image und wird unglaubwürdig. Ich vergleiche das auch gerne mit der Politik: die Wahlbeteiligung sinkt von Wahl zu Wahl, keiner glaubt mehr was ständig versprochen wird, denn am Ende wird eh wieder alles anders. Eine polarisierende, glaubhafte und echte Diskussion zu starten ist heutzutage für das Image einer Marke somit mehr Wert denn je. Content darf also nicht wie Werbung rüber kommen. Man sollte schon etwas nachdenken bevor man einfach etwas inhaltsloses rausposaunt (deshalb auch kreativer Content). Außerdem läuft man auch schnell Gefahr einen Shitstorm loszutreten. Zu oft wurde das schon bewiesen.

Holt die Leute also mit klarer Kante in ihrem echten Umfeld ab. Und dann holt mich das als Mitbürger, Ehemann, Vater und Freund persönlich auch am besten ab. Easy.

Bitte vervollständige: Man sollte Timm Holm beauftragen, wenn …
… etwas Wichtiges erledigt werden muss. Möchten Sie Ministerpräsident werden, Ihre Marke berühmt machen oder ein kommunikatives Problem lösen? Better call Holm!




Wie nimmst Du momentan die deutsche Kreativbranche wahr? Gerne auch im internationalen Vergleich.
Deutschland ist auf jeden Fall ganz weit vorn. Durch die Globalisierung haben wir viel gewonnen. Wenn ich heute in eine Agentur komme, sind die Briefings und Gespräche meist nur noch in Englisch. Das war vor 10-­12 Jahren noch total anders. Dieses internationale Kreativ-­Doping, ich nenne es mal so, hat uns jedenfalls geholfen. Berlin als interessanter Standort hat dazu auch viel beigetragen. Außerdem ist die Welt durchs Web insgesamt viel offener geworden. Sogar meine Mutter ist mittlerweile zum Facebook-­Blogger mutiert.

Kannst Du uns drei Webseiten nennen, die Du regelmäßig besuchst?
Ja, spox.com, facebook.com, comunio.de.

Was schätzst Du beruflich und privat an Hamburg?
Beruflich bin ich lieber in Berlin, ganz ehrlich. Mein Herz hängt noch sehr an der Stadt. Ich freue mich dann vor Ort auch viele alte Freunde und Bekannte zu sehen und wieder zu treffen. An Hamburg schätze ich natürlich die kürzeren Wege, hier düse ich oft mit dem Fahrrad schnell und überall hin. In Hamburg bin ich nicht nur beruflich gewachsen, hier habe ich auch meine Familie und die sehr alten Freunde. Wir wohnen nah an der Elbe, von wo aus ich oft täglich mit dem Fahrrad ins Büro oder in die Agenturen fahre. Unbeschreiblich schön ist es z. B. montags nach dem Hafengeburtstag parallel mit um die 50 Schiffen und Segelbooten um die Wette zu fahren. Dieses und so viele andere tolle Sachen hier, kann einem keine andere Stadt bieten. Auch nicht Berlin. I <3 Hamburg!

Vielen Dank für das Gespräch.
  
  

  
  
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