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Andreas Homann: Weniger ist nicht mehr

Andreas Homann ist seit vielen Jahren Kommunikationsdesigner mit seinem eigenem Büro Gestaltung: Andreas Homann in Hamburg. Für die HAMBURGS KREATIVE 2014-Ausgabe verfasste er den äußerst lesenswerten Artikel »Weniger ist nicht mehr« und hinterfragt die aktuellen Arbeitsbedingungen für Designer. Lesen lohnt sich!

»And now for something completely different« (Monty Python). Reden wir mal nicht über angesagte Schriften, bunte Bilder, hippe Formate, sondern über die Bedingungen, die Grafikdesign überhaupt erst möglich machen: unsere Arbeits-
bedingungen, die wir mit gewohnter Bratwurstigkeit nicht hinterfragen. Der Honorar- und Gehaltsreport 2012, der sich auf eine unter fast 2000 Designern durchgeführte Umfrage des BDG stützt, benennt sie sehr deutlich.

In Zeiten, in denen die Bedeutung von Medien und visueller Kommunikation unbestreitbar hoch angesiedelt ist, sind es 41 % der selbständigen Designer, die angeben, nicht oder nur gerade so mit ihrem Einkommen zurechtzukommen. Weitere 14 % der selbständigen Kreativen erzielen Brutto-Einnahmen von weniger als 10.000 € im Jahr, also weniger als 833 € monatlich. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel – so nannte sich das früher, heute kurz und verharmlosend: prekär. Zwischen 10.000 und 30.000 € brutto im Jahr verdienen 33 % der selbständigen Kommunikationsdesigner: Abzüglich Steuern, Versicherungen, Lebensmittel, Kita, Strom und den Hamburger Mieten landet man dabei knietief im Dispo. Das Resultat: Rund 35 % aller Befragten halten Familiengründung nicht für finanzierbar. »Ein akademischer Beruf, der ein Drittel seiner Absolventen nur mäßig ernährt, hat ein Legitimationsproblem«, urteilt hier der BDG (BDG Berufsverband der deutschen Kommunikationsdesigner e.V.).

Eine Ursache ist das Honorardumping. Dieses kann einerseits vom Designer hausgemacht sein, indem von vornherein ein zu niedriges Angebot abgegeben wird, um einen Auftrag zu bekommen – der sich so allerdings nicht mehr rentieren wird … Oder es ist andererseits der Auftraggeber, der den Preis nach unten drückt: Warum unsere Branche so zum Feilschen einlädt, bleibt schleierhaft. Rund 76% der selbständigen Kommunikationsdesigner arbeiten zu einem Stundensatz von unter 70 € – dem Mindestsatz für professionelle Grafiker, wenn sie kosten-
deckend arbeiten wollen und Hard-, Software, Schriftlizenzen und Büromiete bezahlen müssen. Diese Realität widerspricht dem Selbstbild des Schanzen-Medien-Hipsters mit »zwei, drei Projekten am Start«, was im Klartext bedeutet, dass sie zu den 35 % der Scheinselbständigen gehören – also finanziell von wenigen Auftraggebern abhängig, obendrein noch unterversorgt. Nach außen gibt man das im schönen Schein der Kreativbranche nicht zu, das Eingeständnis des Herumkrebsens würde ja den eigenen Marktwert untergraben.

Eine andere wohlklingende Dumpingform ist der Pitch. Für eine meist viel zu niedrige Aufwandsentschädigung – wenn überhaupt – entstehen viele Entwürfe. Man steht in Konkurrenz zu anderen Aufwandsgeschädigten und der Kunde König darf sich etwas aussuchen. Einst für die Vergabe langfristiger Auftragsvolumina gedacht, wird heute schon für drei schnelle Nummern eines Magazins gepitcht. Doch ohne gemeinsames Erarbeiten einer sinnvollen Lösung ist die Pitch-Situation für Kunden wie Gestalter gleichermaßen unbefriedigend – ökonomisch und qualitativ. Besonders niederträchtig ist dabei die Ausschaltung der Konkurrenz durch das Anbieten von Gratisarbeit, um den Kunden für sich zu gewinnen. Auf diesem Spielfeld laufen gerne namhafte Agenturen auf, deren Umsatz mitunter im Millionen-Bereich angesiedelt wird.

Nicht minder perfide ist das Crowdsourcing: Über ein Online-Portal wird einer breiten Masse ein einziger Auftrag angeboten, alle führen diesen aus, aber nur der Gewinner wird bezahlt. Torsten Stapelkamp, Professor für Mediendesign, rechnete vor, was dabei für ein Schaden entsteht, wenn sich auf Portalen, wie z. B. designenlassen.de, durchschnittlich 119 Designer um einen Auftrag prügeln: Für einen Job mit Zeitaufwand von zehn Stunden zu einem kostendeckenden Stundensatz von 70 € – einem Aufwand von 700 € pro Teilnehmer – steht
ein Gewinnerhonorar von 347 € zu Buche, jedoch nur für eine einzige Person. Sogar der »Preisträger« hat am Ende also 353 € verloren, alle anderen 118 gehen leer aus und haben einen Totalverlust von 118 x 700 €, nämlich 82.600 € in den Sand gesetzt. Chapeau! Das ist soziale Marktwirtschaft – langweilig wird sie nie.

But … always look on the bright side of life. Wir sind ja grundsätzlich lernfähige Wesen. Achtet also auf faire Bedingungen, verkauft euch nicht unter Wert! Weist unmoralische Angebote und massive Vergeudung von Ressourcen zurück. Macht Verdrängungsprozesse publik. In den Zeiten vor der digitalen Vereinzelung und Arbeitsflexibilisierung hätte man sich womöglich zusammengerottet und durch die Straßen laufend skandiert: »Crowdsourcing? Dumping? Pitch? – I‘m not your fuckin’ bitch!« In diesem Sinne: bleibt professionell.
  
  

  
  
Andreas Homann machte 1992 sein Diplom zum Kommunikationsdesigner an der HAW Hamburg. Er machte sich recht schnell selbstständig und ist seitdem mit seinem eigenen Büro erfolgreich. In dieser Zeit betreute er u. a. das Hamburger Schauspielhaus, das Philharmonische Staatsorchester Hamburg, die Hamburger Kammerspiele, entwickelte das »[k]« für Kampnagel und relaunchte zuletzt die »Szene Hamburg«. Zu seinen Kunden außerhalb der Stadt zählen neben anderen die Kunsthalle zu Kiel, das Staatstheater Kassel, das Nationaltheater Mannheim und verschiedene Festivals. Homann liebt exessives Radfahren, hört am liebsten Early Reggae und glaubt doch tatsächlich, dass Hamburg Braun-Weiß ist.
  
  

  
  
Links:
→   www.andreashomann.de
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Credit (Foto ganz oben): Sven Heinrich
  
  

  
  
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