100% Hamburg.

karinhoefling_interview1

Interview: Im Gespräch mit Karin Hoefling (Rose Pistola)

Die HAMBURGS KREATIVE-Interviewreihe geht in die nächste Runde. Diesmal im Gespräch: Karin Hoefling. Karin führt seit 10 Jahren zusammen mit Holger Felten das Designbüro Rose Pistola in Hamburg und München. Sie unterrichtete an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg und lehrte als Professorin für Konzeptionelle Gestaltung an der FH Bielefeld. Ihr Bürokollege sagt über sie: „Karin ist eine Freundin der intensiven Farbgebung und beherrscht trotz schwäbischer Jugend ein bemerkenswert akzentfreies Hochdeutsch. Montags bespricht sie am liebsten zuerst die Fußballergebnisse vom Wochenende.“ Neben bedeutenden fachlichen Auszeichnungen gewann sie 2009 mit ihrem Team den 2. Platz beim Pop-Quiz im B-Movie.  

Karin, Du hast 2002 gemeinsam mit Prof. Holger Felten die Agentur Rose Pistola gegründet. Wie kam es damals eigentlich dazu?
Wir wollten Langeweile gründlich bekämpfen! Gemeinsam hatten wir an der Kunstakademie am Weißenhof in Stuttgart studiert und erkannt, dass wir uns gut ergänzen. Und Vereinzelung ist ja bekanntlich der Tod.

Was unterscheidet das Büro von Mitbewerbern? Was zeichnet Rose Pistola aus?
Ich sehe meinen Beruf nicht als Konkurrenzfeld. Man sollte sich auf Kunden- als auch Agenturseite im besten Fall mit denen zusammentun, die einem wechselseitig etwas geben können: inhaltlich, nicht materiell. Der Grafiker Milton Glaser gab dazu den klugen Ratschlag: „Some people are toxic. Avoid them.“ Wenn Gestaltung zur reinen Dienstleistung herabgewürdigt wird, soll der Kopf stillgelegt werden. Aber genau das machen wir bei Rose Pistola nicht. Der Zusatz „Büro für Konzeption und Gestaltung“ ist keine hohle Marketing-Phrase.


Wie sieht ein typischer Arbeitstag im Leben von Karin Hoefling aus?
Nun, der Diktatur der Selbstverwertung kann man nur entgegnen, indem man sie so häufig wie möglich an geeigneten Stellen unterbricht. Und, wie das in etwa Rocky Balboa gesagt hat: „Es kommt nicht darauf an, wie oft man hinfällt, sondern wie oft man wieder aufsteht.“

Was ist Dein (gestalterischer) Anspruch bei der täglichen Arbeit?
Herzblut, Kopfarbeit und Humor hineinzustecken. Und gegen Haltungsschäden, im wörtlichen wie bildlichen Sinne, anzukämpfen.

Wovon lässt Du Dich inspirieren?
Mich interessiert, was einen antreibt, wo Energie freigesetzt wird. Musik. Ganz aktuell, beide aus Kanada: Dirty Beaches, ein Gänsehaut-Performer taiwanesischen Ursprungs (eine Kreuzung aus Elvis und Suicide), und die Hardcore-Band Fucked Up mit dem entfesselten Love & Hate-Tornado Pink Eyes als Sänger. Mich interessiert Leidenschaft. Ob laut am Millerntor, ob still am Hafen bei Nacht. Spannend wird der Moment, wo man aufhört, sich zu fragen, ob man gerade ein gutes Bild abgibt, wo unmittelbares Anliegen zum Ausdruck kommt. Danach suche ich in der zeitgenössischen Kunst, in Grafik, in Literatur. In den Arbeiten von Gianni Motti, Thomas Demand, William Eggleston oder Emory Douglas. In der Sprache Elfriede Jelineks oder im Gedankengut von Guy Debord und den Situationisten.

In Deiner Laufbahn hast Du diverse Lösungen für Kunden entwickelt. Kannst Du uns Projekte nennen, auf die Du ganz besonders stolz bist?
Die Bildstrecke „Just what is it that makes today so super-?”, auf www.rosepistola.de unter Vorn Magazin. Darin hinterfrage ich unsere Gegenwart als eine von Marktabhängigkeit geprägte Lebens- und Arbeitsrealität, als deren williger Handlanger sich die „Kreativbranche“ selbst einspannen ließ.

Gibt es eine Marke, für die Du liebend gerne mal arbeiten würdest?
Die Frage ist für mich falsch gestellt, denn außer Schweinebauch-Anzeigen und Firmen, die ich nicht unterstützen möchte, fallen mir wenige Jobs ein, für die nicht eine interessante Fragestellung herauszufiltern wäre. Ich unterscheide grundsätzlich nicht zwischen A- oder B-Jobs. Von kommerziellen Jobs abgesehen, interessieren mich gestalterisch die Abweichungen, Brüche und Abgründe, denn nur sie können das Leben adäquat abbilden. Schönheit ist nicht das Ziel.

Bitte vervollständige den folgenden Satz: Ein Unternehmen sollte sich an Rose Pistola wenden, wenn …
… es den „Traum eines Daseins ohne Schande“ verfolgt. Okay, Adornos Ideal ist hier vielleicht zu schwere Kost, sagen wir einfacher: Wenn es einen Partner mit eigenem Denken sucht. Wir sind sehr stark im Bereich Bildfindung, Bildredaktion, der Entwicklung von Bildideen. So realisieren wir Projekte von Kundenmagazinen bis hin zu Ausstellungsdesign: Wir finden die für den Inhalt richtige Idee. Alles andere lässt sich daraus ableiten.

Was schätzst Du beruflich, aber auch privat am Standort Hamburg?
Den besten Fussballclub. Schon bei Gründung unseres Büros lebte ich rund 700 km von meinem Kompagnon entfernt, habe aber trotzdem immer Kunden aus dem Süden betreut. Und das liegt nicht an meiner Telefonstimme. Technik dehnt heute den Raum. Ja, mir gefällt Hamburg, sonst würde ich hier nicht leben. Aber Hamburg betreibt gerade einen obszönen Ausverkauf der Orte, wo Kultur und Gegenkultur (gerade noch) stattfinden. Ich bediene hier nicht das Image der „pulsierenden Metropole für die Kreativwirtschaft“, das windige Stadt-Marketing-Strategen für die Standort-Kampagne Hamburg erdachten. Ein Denken, das all das, was lebenswert, aber nicht ökonomisch verwertbar ist, verdrängt. Das Manifest der „Not in Our Name, Marke Hamburg“-Initiative hat das eindrücklich benannt. Vielleicht bin ich hier, weil politisch leben und handeln hier kein Fremdwort war und ist.

Zu guter Letzt: Gibt es eine (fachliche) Frage, die man Dir unbedingt stellen sollte?
Ist das alles zu etwas nütze? Und warum haben Außerirdische noch keinen Kontakt mit uns aufgenommen?

Vielen Dank für das Gespräch.
  
  

  
  
Links:
→   www.rosepistola.de
→   zum Onlineprofil

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Leave a Reply

Protected by WP Anti Spam